Elternabende

Ich kann nicht mit normalen Eltern. Bitte nicht persönlich nehmen. Ich würde viel darum geben, zu normalen Eltern zu gehören. Und bevor jetzt alle auf die Barrikaden gehen, lasst mich eine kleine Geschichte erzählen.

Vor kurzem hatte ich beschlossen, mich zu einem Kurs anzumelden. Einmal die Woche für eine Stunde etwas anderes machen, unter Menschen kommen, die Isolation unterbrechen. Also habe ich mir das neueste Volkshochschulprogramm vorgenommen. Die Auswahl schien ja gar nicht so klein zu sein. Vielleicht irgendetwas mit Musik. Kinderlieder auf der Gitarre begleiten. Das klang doch ganz gut. Dann käme ich unter Menschen und würde trotzdem etwas machen, wovon auch the Kid profitiert. Außerdem habe ich früher schon Gitarre gespielt, das war zwar eher Indie, aber ich bin ja offen für Neues. Gleich am nächsten Tag wollte ich mich anmelden.

Am selben Abend wurde ich spontan auf den Geburtstag eines alten Freundes eingeladen. Der Kindsvater hatte Zeit auf the Kid aufzupassen und ich war seit Monaten nicht mehr aus. Die Gelegenheit konnte ich mir also nicht entgehen lassen. Endlich mal wieder einen normalen Abend mit anderen Menschen verbringen.

Und dann war ich auf dieser Party und habe ich es gemerkt: Ich kann nicht mit normalen Eltern. Ich hatte die Jungs und Mädels schon seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Es war spannend zu erfahren, wie sie sich verändert hatten. Aus Menschen, die während des Studiums keine Party ausließen, waren vernunftbegabte Eltern geworden. Ich wollte nicht, dass unsere Situation zum Thema des Abends wird. Also erzählte ich, dass auch ich einen Sohn habe und zeigte, wie die anderen, süße Fotos von meinem kleinen Fratz auf dem Handy herum. Und dann begannen die üblichen Elterngespräche. Wie toll, ich gehörte dazu, und konnte mich mit den anderen austauschen. Ein ganz neues Lebensgefühl. Mia, deren Sohn genau so alt ist, wie the Kid, fragte mich, was ich tue, wenn der Kleine sich an Möbeln hochzieht. „Janni fällt ständig auf seinen Kopf. Deshalb verbiete ich ihm das jetzt. Wie machst Du das?“ Was sollte ich antworten? Mein Sohn hat durchtrennte Bauchmuskeln und ich bin froh, dass er gerade gelernt hat, sich auf den Bauch zu drehen? Stattdessen sagte ich: „Ich glaube, das ist normal. Das gehört wohl dazu.“ Zum Glück drehte sich in dem Augenblick Andreas zu uns um, früher bekannt für seine stets glänzende Single-Wohnung und nun Vater eines zehn Monate alten Sohnes und begann mich in ein Gespräch zu verwickeln: „Ich weiß ja nicht, ob Du schon einmal in dieser Situation warst, Marie, aber bei uns läuft es momentan sehr schlecht. Unser Sohn Justus, hat seinen ersten Schnupfen. Und stell Dir vor, es geht ihm so schlecht. Wir leiden furchtbar mit.“

Ich: „Oh, das tut mir leid. So ein Babyschnupfen ist nicht schön, aber das gehört ja eigentlich schon dazu. Ich lasse meinen Kleinen dann immer inhalieren.“

Andreas: „Echt? Das ist doch ganz schrecklich für das Kind. Also Justus würde das nicht mit sich machen lassen. Ach, da hast Du es echt gut! Du weißt ja gar nicht wie schlimm das ist.“

Ich: „Doch. Ich kann mir das schon vorstellen.“

Andreas: „Nein, das glaub ich nicht. Bei uns ist das besonders schlimm. Gestern zum Beispiel, da hat er drei Stunden nicht schlafen können und heute …“

Das würde nicht gut gehen. Langsam schnürte sich mir die Kehle zu. Mein erster freier Abend seit Monaten und ich sollte ihn damit verbringen, mir die Sorgen anderer Eltern anzuhören, die mir nur vor Augen hielten, wie gut es ihnen ging. Und dann auch noch Mitleid vortäuschen? Vielleicht würde es ihnen doch gut tun zu erfahren, dass es Schlimmeres gibt?

Also habe ich doch unsere Geschichte erzählt. Eine Kurzfassung zwar nur und eine möglichst harmlose Variante, aber der Effekt war doch unerwartet. Andreas war zutiefst schockiert. Er war so aus dem Gleichgewicht gebracht worden, dass ich von mehreren Seiten darauf angesprochen wurde, wie unsensibel ich doch sei, den armen Andreas so zu traumatisieren. Das sei doch kein Thema für so einen Abend, manche Menschen würden solche Geschichten nicht verkraften. Sorry, Andreas, auch das ist die Realität. Ich kann leider keine Rücksicht auf Menschen nehmen, die es nicht verkraften, solche Geschichten zu  hören. Denn ich habe sie sogar erleben müssen.

Um solche Situationen also in Zukunft zu vermeiden, habe ich folgendes beschlossen: In den zwei Stunden, die ich pro Woche frei habe, werde ich etwas tun, das absolut nichts mit Kindern zu tun hat. „Hacken für Nerds“ klingt doch ganz gut. da geht es garantiert nicht um Babies.

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