Verlorene Eltern

Heute bin ich keine starke Mama. Heute bin ich schwach und traurig und und unsagbar wütend. Ich habe einen Anruf erhalten. Ein kleines Mädchen ist gestorben. Sie war sechs Jahre alt. Ein fröhliches kleines Mädchen, das gerne rosa Kleider trug und, als ich sie vor ein paar Wochen das letzte Mal traf, mit ihren Puppen und Teddys gespielt hat und erzählt hat, dass sie später mal Ärztin werden will.

Ihre Mutter und ich waren gemeinsam bei den Voruntersuchungen zur Lebendspende. Wir haben gemeinsam gehofft, dass wir für unsere Kinder als Spenderinnen in Frage kommen. Und waren so glücklich, als es für beide das Okay gab. Gestern ist die Kleine an einer Lungenentzündung gestorben. Und ich bin sprachlos.

Diese Nachrichten, diese Anrufe kommen immer wieder, dass eines der Kleinen für immer gegangen ist. Die Anrufe kommen nicht von ihren Eltern. Wie auch? Die sind sprachlos und verloren in ihrer Trauer.

Man lernt in der Klinik viele Leidensgenossen kennen. Und das ist wichtig. Man bangt zusammen, fiebert mit, freut sich bei Fortschritten, weint gemeinsam, wenn es mal nicht so gut läuft. Auch lachen konnten wir gemeinsam, denn wir wussten, auch bei den anderen ist das Leid und die Sorge immer da. Und man hofft gemeinsam. Gibt sich gegenseitig Kraft, spricht sich Mut zu. Freut sich über große und kleine Wunder. Man wird zu Freunden, man versteht sich auch ohne Worte. Teilt Freud und Leid. Über Wochen, Monate. Und dann stirbt eines der Kinder.

Ich habe im letzten Jahr so viele Kinder sterben sehen. Zu viele. Und das verändert einen. Mit den Kindern verschwinden auch ihre Eltern, gehen verloren. Verloren in ihrer Trauer. Die meisten, eigentlich alle, wollen keinen Kontakt mehr. Wer will es ihnen verdenken? Sie wollen, sie können nicht mehr mitfiebern. Für sie sind die übriggebliebenen Eltern mit all ihren Sorgen, dennoch Eltern, die noch hoffen können. Hoffen und beten, dass bei ihnen doch alles gut geht. Die anderen Eltern haben, egal wie schlecht es ihnen geht, immer noch ihre Kinder, die sie berühren können, mit denen sie sogar manchmal lachen können. Ihnen ist vielleicht doch das Glück vergönnt, ihre Kinder aufwachsen zu sehen.

Und dennoch wird uns anderen Eltern, trotz all der Trauer um die gegangenen Kinder, wieder mit einem Schlag bewusst, wie zerbrechlich unser Glück ist. Und die Angst ist wieder da, holt uns ein, mit all ihrer Brutalität und Härte.

Heute bin ich schwach. Ich denke an die Eltern der Kleinen und an das Glück, dass ihnen für immer genommen wurde. Und ich bin wütend über meine Sprachlosigkeit. Doch in solchen Momenten gibt es einfach keine Worte, die Trost geben könnten. Nichts. Ich denke an all meine verlorenen Freunde, mit denen ich einen Teil des Weges gegangen bin. Und ich denke an alle diese wunderbaren, unschuldigen Kinder, die nach langem und tapferen Kampf und so schrecklich viel Leid gehen mussten und die das Leben, dass sie verdient hätten, nicht leben dürfen. Ja, ich bin traurig und so unglaublich wütend und sprachlos.

Rest in Peace Kleine. Ich hoffe, wo immer Du bist, es geht Dir endlich besser. Und ich denke an all die Eltern, an meine verlorenen Freunde, die für immer verloren sind in einer grausamen, grausamen Welt.

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