Gewitter

Vor dem Fenster tobt ein Gewitter, die Bäume biegen sich im Sturm, verlieren mitten im Sommer ihre Blätter, der Regen prasselt gegen die Scheiben und trübt meine Sicht. Als würde das Wetter meine Stimmung widerspiegeln. Es wird sie immer wieder geben: Die Tage, an denen ich keine Ruhe finde, an denen die Last der Sorgen so schwer auf mir liegt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemals besser wird.  Morgen wird der Sturm vorüber sein. Aber meine Sorgen bleiben. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die diese Panik auslösen können. Kleinigkeiten wie ein Kaliumwert, der wieder gestiegen ist. Oder ein Medikamentenspiegel, der zu hoch ist. Kleinigkeiten, die sich eigentlich leicht beheben lassen sollten. Und dennoch lassen sie die Panik wieder aufsteigen. Und plötzlich ist die alte Hilflosigkeit wieder da, die Ohnmacht und die lähmende Angst.

„Das ist  überflüssig,“ sagt meine Freundin Katharina, die Yogalehrerin, „komm mal runter und versuch Dich zu entspannen.“ „Und wie soll ich das machen?“ schluchze ich in den Telefonhörer. “ Du gibst Deinem Sohn einfach zwei Tage lang nur Reis, Zucchini und Äpfel zu essen, reduzierst die Medikamentendosis und schon sind die Werte wieder in Ordnung. Das ist doch wirklich kein Weltuntergang.“ Natürlich hat sie Recht. Das ist kein Weltuntergang. Das weiß ich auch. Und ich versuche, tief durchzuatmen und mich zu beruhigen. Aber irgend etwas lässt die Entspannung nicht zu. Vielleicht weil Katharina doch nicht so Recht hat, wie es im ersten Augenblick erscheinen mag. Vielleicht weil aus einer solchen Kleinigkeit schnell etwas Größeres werden kann.

Die zu hohen Werte müssen natürlich nach ein paar Tagen nochmal kontrolliert werden. Und sollten die Werte weiterhin zu hoch sein, folgen alle paar Tage weitere. Was das heißt? Blutabnahmen, die sich in die Länge ziehen, weil die kleinen Venen, die schon so oft gestochen wurden, bereits so vernarbt sind, dass sie kein Blut mehr geben. Oder während der Blutabnahme versiegen. Und dann muss gleich wieder gestochen werden. Und wieder. Und so werden es immer weniger Venen, die noch zur Blutabnahme geeignet sind. Denn es bleibt ihnen keine Zeit sich zu regenerieren.

Und da steht eine Mutter, die zusehen muss, wie ihr kleines Kind schreit und tritt und von drei Erwachsenen festgehalten werden muss, damit die Blutentnahme überhaupt stattfinden kann. Zehn Minuten lang, zwanzig, manchmal dreißig Minuten lang. Vor jeder weiteren Blutentnahme liegt diese Mutter nachts im Bett und kann nicht schlafen. Und dann kommen alle weiteren Sorgen und rauben ihr noch mehr Schlaf.

Und durch den Telefonhörer, der mir vor Müdigkeit fast aus der Hand fällt, höre ich Katharina mal wieder sagen: „Entspann Dich. Es gibt Schlimmeres. Sieh nicht immer so schwarz. Bald ist der Spiegel wieder in Ordnung. Hol tief Luft.“ Und ich atme tief durch und denke: nächste Woche wird es bestimmt ruhiger. Dann komme ich wieder zum Schreiben und zum Schlafen. Das sind nur ein paar Tage. Da müssen wir jetzt einfach durch.

Und ehe ich mich versehe, sind aus diesen paar unruhigen Tagen und Nächten zwei Monate geworden. Und durch den zu hohen Spiegel und das entsprechend viel zu schwache Immunsystem hat sich the Kid eine Infektion eingefangen. Durch die Fixierung bei den Blutentnahmen hat the Kid Angst vor Berührungen und Umarmungen bekommen. Wie tröstet man ein Kind, das sich nicht in den Arm nehmen lassen will? Meine Sorgen sind nicht kleiner geworden. Und ich traue mich nicht, auf bessere Zeiten zu warten. Denn es wird sie immer wieder geben, die Tage an denen wir nicht zur Ruhe kommen. Und während ich wieder nicht einschlafen kann und mich frage, wie ich diese ständigen Sorgen ertragen soll, fällt mir ein alter Spruch ein: Nicht warten bis der Sturm vorüber ist, sondern lernen im Regen zu tanzen. Morgen ist das Gewitter wieder vorbei. Aber das nächste kommt bestimmt. Und wir werden hoffentlich bei jedem neuen Regen besser tanzen können.

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