Raus aus der Isolation

Es klingt zu schön um wahr zu sein. Ein Jahr nach der Transplantation ist das schlimmste vorüber. Heißt es. Wir Eltern haben uns immer vorgestellt, dass nach der ersten Jahreskontrolle mit einem Schlag alles besser ist. Die Immunsuppressiva werden soweit reduziert, dass die Antibiotika abgesetzt werden können. Man darf an ruhigen Tagen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, normales Leitungswasser ist auch nicht mehr verboten und sogar Schwimmen gehen wird erlaubt. Das klingt ja fast nach einem normalen Leben. Auf, raus aus der Isolation!

Passend dazu ist das Wetter auch noch herrlich. Die Sonne scheint, die Temperaturen schreien nach Abkühlung. Also auf zum Starnberger See. Auf ins normale Leben!

Natürlich müssen wir ein wenig mehr einpacken als normale Familien. Die 50er Sonnencreme ist dabei, der Ganzkörper-UV-Schwimmanzug auch. Wir wollen ja nicht übermütig werden. Schließlich haben immunsupprimierte Kinder ein 100fach erhöhtes Hautkrebsrisiko. Trotzdem lasse ich the Kid die Sonne auf die eingecremten Füßchen scheinen. Nur ab und zu und nie länger als fünf Minuten. Auch wenn er täglich seine Vitamin-D-Tabletten nehmen muss, so bin ich doch überzeugt, dass ein wenig Sonnenlicht wichtig ist. Apropos Tabletten: die Medikamente werden natürlich auch eingepackt. Wir könnten auf dem Rückweg schließlich in einen Stau geraten oder sonst wie aufgehalten werden. Und die Zeiten müssen ja trotzdem eingehalten werden. Noch ein kaliumarmes Picknick eingepackt. So, jetzt kann es endlich losgehen.

Da liegt er, der See, so wunderbar einladend. Die Berge spiegeln sich in seiner glatten Oberfläche. Eine leichte Brise lässt die Blätter der schattenspendenden Bäume erzittern. So friedlich und schön. Jetzt fehlt nur noch der richtige Platz. Ruhig soll er sein, nicht zu voll. Aber es ist ein normaler Wochentag, noch recht früh. Das dürfte machbar sein. Und wir müssen tatsächlich nicht lange suchen. Da ist ja auch schon ein lauschiges Plätzchen. Eine grüne schattige Wiese, mit Büschen von der nächsten Bucht getrennt. Ein kleiner Strand, ganz für uns allein. Perfekt.

Schnelle die Decke ausbreiten und den Sonnenhut auf. Und schon kann es losgehen. Das ist the Kids erste Begegnung mit Wasser, abgesehen von der Badewanne und seiner Trinkflasche natürlich. Ein bisschen unheimlich findet er es schon, als er von meinem Arm aus seinen großen Zeh ins Wasser taucht. Schnell wieder raus und an Mama klammern. Aber schließlich er traut sich doch seine Beinchen ins Wasser zu tauchen. Es ist ja auch zu spannend. Dann bin auch ich dran. Ich drehe eine Runde im Wasser. Herrlich! Kaum zu glauben: ich bin mit meinem Sohn am See. Ganz normal, und gerade deshalb so unglaublich schön!

Inzwischen hat sich unsere Bucht etwas gefüllt. Zwei Pärchen haben sich in gebührendem Abstand niedergelassen. An einem der Büsche scherzt eine Großmutter mit ihren zwei Enkelkindern und deren Gummitieren. Alles völlig im Rahmen. Sollen sie auch den herrlichen Tag und die ruhige Bucht genießen. Platz ist genug da. Alles im grünen Bereich auf der grünen Wiese.

Kleine Kreise aus Wellen breiten sich um uns herum aus, wachsen, entfernen sich, plätschern ans Ufer. Ein Ausflugsdampfer zieht vorüber. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. The Kid quietscht vor Vergnügen. Urlaubsgefühl pur!

Aber langsam beginnt mein Magen zu knurren. The Kid verlangt auch langsam nach seinem „Mam Mam“. Zeit für das Picknick! Wir machen es uns auf der Decke gemütlich. The Kid krabbelt im Bademantel herum. Die gedünsteten Zucchini mit Mozarella und Basilikum duften köstlich. Ich muss nur noch das Brot schneiden. Und dann höre ich sie plötzlich. Zunächst kann ich es das Geräusch gar nicht einordnen. Doch ehe wir uns versehen, stürmt eine Schulklasse unsere Bucht. Anders kann man es wirklich nicht nennen. Zwanzig, nein mindestens dreißig Kinder fallen auf die Wiese ein, ohne Rücksicht um Verluste. Sie breiten ihre Handtücher nicht mal einen halben Meter von uns entfernt auf. Sie trampeln auf unsere Decke. Die Salatschüssel kippt um. Als wären wir unsichtbar.

Normalerweise wäre ich nur irritiert oder genervt. So wie die anderen Badegäste, die einen ruhigen Tag am See verbringen wollten. Aber mich packt die blanke Panik. Ich weiß nicht, wie ich schnell genug alles zusammenpacken soll. Die Vinaigrette zieht in die Decke ein, ich finde nur einen Schuh. Egal, erstmal the Kid in Sicherheit bringen, um den Rest kümmern wir uns später.

Das kann doch einfach nicht wahr sein. Ich fange an zu zittern, nur weil wir von einer Horde Zehnjähriger umzingelt werden, die uns nicht mal sehen. Da versuchen wir endlich mal „normal“ zu sein, suchen uns brav ein extra ruhiges Plätzchen und landen trotzdem prompt in einer „Gefahrenzone“. Und das ist eine große Gruppe uns unbekannter Kinder leider. Denn die Immunsuppressiva sind zwar reduziert worden, aber noch lange nicht genug, um the Kid impfen zu dürfen. Kinderkrankheiten sind nach wie vor lebensbedrohlich für the Kid. Und solange in München und Umgebung immer noch so viele Kinder nicht geimpft werden, lauert immer eine unsichtbare Gefahr. Mir ist auf einmal ganz schwindelig. So viele Kinder auf einmal habe ich das letzte Mal in meiner Schulzeit gesehen. Nur dass wir damals nicht einfach über fremde Picknickdecken marschiert sind. Mit Tunnelblick und the Kid im Arm laufe ich Richtung  Weg.

Nicht zu fassen, direkt hinter den Büschen findet sich die nächste einsame Bucht. Aber das Essen will nicht mehr so richtig schmecken. Zu groß ist die Angst, dass gleich die nächsten fünf Schulklassen um die Ecke biegen. Das war er also, der erste Versuch, aus der Isolation auszubrechen. Er ging gründlich daneben.

Und nun hat the Kid einen Infekt. Möglich dass unser Ausflug an den See daran Schuld ist, vielleicht aber auch nicht. Die Vernunft sagt mir, das darf kein Grund sein, uns wieder in die komplette Isolation zurückzuziehen. Schließlich war der erste Teil unseres Ausflugs einfach wunderschön. Doch die Vorsicht ist weiterhin unser Begleiter. Denn auch beim nächsten Ausflug bleibt die Angst, dass wir mal wieder die falsche Bucht ausgesucht haben. So einfach raus aus der Isolation… Das ist wäre halt doch zu schön um wahr zu sein. Aber ein bisschen schön ist für den Anfang auch nicht schlecht.

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