Babyzeit

Leberkranke Kinder sind meist zierlicher und kleiner als andere Kinder. Sie holen das nach der Transplantation jedoch recht schnell wieder auf. Aber sie bleiben oft relativ klein, im Verhältnis zu ihren Altersgenossen. The Kid und sein Leberkumpel, der einen Tag vor ihm transplantiert wurde, wirkten beide die ersten Monate auch noch sehr jung.

Als the Kid bereits über ein Jahr alt war, machten wir einen Ausflug an die Osterseen. Es war ein sonniger Tag, eine leichte Brise ging und ich beschloss, den Kleinen seine ersten Naturerfahrungen machen zu lassen. Ich ließ den Kinderwagen also stehen und trug the Kid stattdessen auf dem Arm, um mit ihm besser an Baumstämme und Blätter und das seichte Wasser gelangen zu können. Mit Schnuller im Mund und Desinfektionsspray bewaffnet, ließ ich den Kleinen die rauhe Rinde von Bäumen ertasten, Blumen streicheln und die Schatten und Lichtreflexe beobachten, die entstehen, wenn die Sonne durch das dichte Blätterdach scheint.

Wir waren ganz in unsere Beobachtungen versunken, als zwei junge Frauen an uns vorbei liefen. „Heute sind aber viele Babies unterwegs.“ Sie lächelten zu uns herüber. „Schau mal schon wieder eines. Wie süß!“ Ich lächelte zurück. Irgendwie war the Kid ja auch immer noch mein Baby, auch wenn er schon 14 Monate alt war. Geht das nicht jeder Mutter so? Aber die Frauen hatten Recht, er sah wirklich noch sehr babymäßig aus.

Ein paar Tage später waren wir bei Freunden zu Besuch. The Kid krabbelte auf einer Decke im Garten herum, als die Nachbarin über den Zaun schaute. „Was für ein süßer kleiner Fratz. Der ist aber noch kein Jahr alt, oder?“ „Doch, er hatte vor zwei Monaten seinen ersten Geburtstag“, antwortete ich stolz. Der Dame entgleisten die Gesichtszüge, ich sah, wie es in ihrem Kopf zu arbeiten begann, weil da ihrer Meinung nach, wohl irgendetwas nicht zusammenpasste.

Diese Erlebnisse ließen mich kurz zögern. The Kid ist nicht wie die anderen Kinder. Er entwickelt sich nicht normal. Er ist immer noch ein Baby, während andere Kinder schon in ihren kleinen Jeans auf zwei Beinen die Welt erkunden.

Doch dann dachte ich an seine ersten vier Lebensmonate. Daran, dass the Kid die ersten drei Monate seines Lebens nur schreiend vor Schmerzen verbracht hat und dann, nach der Transplantation, einen Monat lang sediert und mit Sauerstoffmaske im Krankenhausbettchen lag, bevor er anfangen konnte zu leben.

Uns fehlten die ersten vier Monate einer normalen Entwicklung. Uns fehlten vier Monate Mama-und-Baby-Zeit. Und plötzlich breitete sich ein wohliges Gefühl in mir aus. Uns wird einfach eine verlängerte Babyzeit gegönnt, weil wir einiges nachzuholen haben. Diese fehlende Zeit hängen wir jetzt einfach an das erste Lebensjahr an. Und ich beschloss, es von nun an zu genießen, dass the Kid immer noch mein Baby war.

Ich änderte nur eine Sache. Als ich das nächste Mal angesprochen wurde, dass mein Kleiner wohl noch kein Jahr alt sei, nickte ich nur und lächelte. Irgendwie stimmte das ja auch.

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