Zurück in der Isolation

Nun sind wir wieder mitten drin in der Isolation. Aber dieses Mal ist es nicht wie sonst, diesmal sind wir nicht alleine. Der einzige Unterschied: wir waren etwas früher dran, als die anderen. Zumindest, was die Isolation betrifft. Wer hätte geahnt, dass wir ihnen dieses Mal nur vorauseilen.

Eigentlich begann es mit einem Fieberfall im Kindergarten, der mich dazu bewegte, the Kid erst einmal zu Hause zu betreuen. Ich hatte abends beim Abholen von the Kid im Kindergarten erfahren, dass tagsüber ein Kind wegen plötzlichen Fiebers abgeholt worden war. Im meinem Kopf ratterte ich schnell alle Optionen durch, wog Risiken ab – das Übliche in einem solchen Fall. Ich entschied kurzfristig, dass the Kid die nächsten drei Tage nicht mehr in den Kindergarten gehen würde. Dann würden wir weitersehen. Auch wenn es mir Magendrücken bereitete und ich nicht wusste, wie ich das mit Homeoffice und Kind Zuhause stemmen sollte – ich wollte erst abwarten, ob weitere Kinder erkranken. Alles andere wäre fahrlässig und könnte im schlimmsten Fall einen Ausfall für mehrere Wochen inclusive Krankenhausaufenthalt bedeuten. Was sind dagegen schon drei Tage?

Die Erzieherin schaute mich kritisch an und sagte: Das könnt ihr in ein paar Monaten aber nicht mehr so handhaben, wenn the Kid ein Schulkind ist. Es herrscht nämlich Schulpflicht.

Ich hätte gerne geantwortet: Ihr seid auch verpflichtet, mich darüber zu informieren, wenn ein anderes Kind wegen Fieber abgeholt werden muss, und habt das auch nicht getan.

Denn es liegt in meiner Verantwortung zu entscheiden, ob dies eine Risikosituation für meinen Sohn ist oder nicht. Und natürlich ist die Chance umso geringer, sich anzustecken, je früher ich ihn da raus hole. Auch wenn das fieberkranke Kind bereits abgeholt wurde, die Viren verteilen sich ja über die anderen bereits angesteckten Kinder weiter. Und je länger the Kid im Kindergarten bleibt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Gegenstände berührt, auf denen die Viren fröhlich warten.

Ich fange schon wieder an, mich zu rechtfertigen. Dabei bin ich es so leid, Dinge erklären zu müssen, die für uns lebensnotwendig sind. Deshalb hielt ich auch hier meinen Mund und erwiderte nur: Ja, vermutlich werde ich ihn dann nicht fernhalten dürfen, außer er ist selbst erkrankt. Aber jetzt kann ich es und deshalb tue ich das auch.

Der Kinderarzt sah das genauso wie ich und schrieb ein Attest für mein Kind, in dem er bestätigte, dass the Kid sich in der momentanen Risikosituation von anderen fernzuhalten habe und ich im Homeoffice arbeiten solle.

Was folgte, war die Meldung, dass im Kindergarten innerhalb von drei Tagen die Hälfte der Kinder und Erzieherinnen wegen Fieber zu Hause bleiben mussten. Plötzlich stand von Seiten des Kindergartens die Neuregelung im Raum, dass nicht einmal mehr Kinder kommen dürften, die leichten Husten und Schnupfen haben. Wie schnell man doch die Regeln umschmeißen kann, wenn es um die eigene Sicherheit geht.

Während die anderen Kinder im Kindergarten und ihre Eltern in der Arbeit oder im Café waren, verbrachten wir also die vergangenen Tage mit gemeinsamen Spielen, gemeinsamen Homeoffice (ich schreibe, the Kid übt Buchstaben und bastelt), mit Tanzen und Lesen und Lachen und Streiten. Wir haben sogar wieder begonnen, gemeinsam Yoga zu machen und, was uns wirklich gut tut: wir haben unsere verstaubten Gitarren aus der Ecke geholt und üben jetzt täglich die wildesten Songs.

Wir müssen der Situation so oft einen Schritt voraus sein. Und so sagte ich schweren Herzens, the Kids lange geplante Geburtstagsparty ab. Natürlich stieß ich teilweise auf Unverständnis. Nicht bei the Kid. The Kid hat das verstanden. Es geht einfach nicht anders. Und schließlich ist er es gewohnt, dass es oft nicht so läuft, wie geplant. Eine Mutter äußerte, dass ihr Sohn zutiefst enttäuscht sei und ob ich mir sicher sei, an einem solch wichtigen Tag, an meinen Regeln festzuhalten. Keine Ahnung, ich kann nicht in die Zukunft blicken, ich kann nur Risiken minimieren. Zwei Tage später erfuhr ich, dass auch ihr Sohn Fieber hatte.

Statt sechs Kindern, kam also nur ein Freund, Carl, der selber transplantiert ist und deshalb die letzten Wochen auch nicht in den Kindergarten durfte. Es wurde nur eine Mini-Party, aber sie war trotzdem schön. Wir passen unsere Feste einfach den Umständen an und wie sagte Karl Valentin schon: Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem.

Außerdem haben wir beschlossen, dass wir „ganz groß“ nachfeiern mit den Familien, die Verständnis für unsere Situation hatten. Wie praktisch, dass wir dann einfach noch mal neu entscheiden können.

Aber dann wurde the Kid doch krank. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sein Immunsystem besonders schwach ist, wenn die Enttäuschung, auch wenn nicht laut zum Ausdruck gebracht, besonders groß ist. The Kid bekam einen unerträglich röchelnden Husten und das Fieber stieg auf über 40 C und wollte auch am nächsten Tag nicht runter. Mein Kind weinte und litt und ich beschloss, den Arzt um Rat zu fragen.

Vielleicht wäre es ja doch Corona oder Keuchhusten oder Influenza. Bei uns kann alles gefährlich werden. Doch in Zeiten von Corona scheint es gar nicht so einfach zu sein, für sein krankes Kind die notwendige Versorgung zu bekommen. Unser Kinderarzt sagte, er könne auf die Entfernung nicht helfen, aber wir dürften auf keinen Fall vorbeikommen. In der Klinik unseres Vertrauens wurde ich von der Sekretärin abgewimmelt: Sie dürfen nicht kommen. Lassen Sie ihn zuerst testen, nicht dass sie uns Corona ins Haus bringen. Wenden Sie sich einfach an den hausärztlichen Notdienst.

Jede*r, der das schon einmal erlebt hat, weiß, dass es so schon nicht leicht ist, Telefonate zu erledigen mit einem fiebrigen, jammernden Kind im Arm. Und wenn man eine dreiviertel Stunde in der Warteschlange hängt, wird das nicht einfacher.

Aber schließlich wurde ich durchgestellt und es hieß, sie würden jemanden vorbeischicken. 24 Stunden später hatte sich noch immer niemand bei uns gemeldet. The Kid darf wegen der Nierenprobleme und zum Schutz der Leber keine Fiebersenker nehmen. Wadenwickel waren auch nicht möglich, da nur der Rumpf über 41 C hoch glühte, während der Rest seines Körpers kühl war.

Plötzlich überkam mich Angst. Was, wenn uns durch die neue Situation plötzlich jede Hilfe verweigert wird. Ich war übernächtigt und erschöpft und fühlte mich so unglaublich ohnmächtig und ausgeliefert. Und schon hing ich wieder in der Warteschleife vom ärztlichen Notdienst.

Dann ging doch plötzlich alles ganz schnell. Ein Arzt rief zurück und sagte, er würde innerhalb der nächsten 13 Minuten bei uns sein und the Kid auf Corona testen. Und plötzlich sank auch das Fieber. Es war, als wäre durch den Anruf etwas in Gang gesetzt worden. The Kid ging es zusehends besser und wir bekamen langsam wieder Schlaf.

Und während wir ruhiger wurden, begann vor der Tür die Panik. Ab Montag sollten die Schulen und Kitas geschlossen werden. Die Menschen begannen Hamsterkäufe zu machen und das Desinfektionsmittel, das uns Jahrelang begleitet hatte, war plötzlich für Menschen wie uns nicht mehr verfügbar, weil es in irgendwelchen seltsamen Kanälen verschwunden war.

Drei Tage später dann der erlösende Anruf. Der Corona-Test ist negativ ausgefallen. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Vielleicht wäre es ja gar nicht so schlimm gewesen, wenn es doch Corona gewesen wäre. Das Fieber ist schließlich mittlerweile weg, der Husten soweit zurückgegangen, dass ich nicht mehr denke, meinem Kind wird jeden Moment die Luft komplett wegbleiben. Es hätte die Angst gemindert, zu wissen, dass wir es hinter uns haben und es nicht so schlimm war, wie es für Risikopantienten vorhergesagt war.

Nun bleibt die Angst. Und vielleicht wird sie sogar ein bisschen verstärkt, dadurch dass ich weiß, dass the Kids Lunge durch den Husten bereits strapaziert genug ist.

Ich habe Angst, mit the Kid einkaufen zu gehen und wir beschränken uns aufs Nötigste. Ein bisschen ist es so, wie im ersten Jahr nach der Transplantation, wie in unserer ersten Isolation.

Aber nur ein bisschen. Denn es gibt einen gravierenden Unterschied. Die Straßen sind nicht so voll, wir können bei dem schönen Wetter raus an den Fluss und die Menschen gehen uns automatisch aus dem Weg. Vor allem wenn the Kid hustet. Zum ersten Mal fühlt sich ein Spaziergang nicht an, wie eine Fahrt durch einen Hindernisparcour.

Es mag verrückt klingen, doch für uns ist die Isolation dieses Mal leichter.

Gestern bekam ich eine Nachricht von einer Mutter aus dem Kindergarten: Was macht ihr nur den ganzen Tag in der Isolation? Ich kann dich zum ersten Mal verstehen. Es ist furchtbar so ganz ohne Schwimmen, Tierpark, Freunde treffen.

Ich konnte nur müde lächeln. Denn das was wir damals in unserer Isolation erlebt haben oder zu Zeiten, wenn die Masern wieder in unserer Stadt umgehen, hat nichts mit der jetzigen Isolation zu tun.

Für mich bedeutete Isolation bisher Ausgrenzung. Du siehst das Leben da draußen und darfst nicht teilhaben. Du bekommst mit, dass sich alle zum geselligen Grillabend treffen, musst deinem Kind erklären, dass es nicht zum Geburtstag seines Kindergartenfreundes gehen kann, weil der im Indoorspielplatz feiert und dass du verstehst, dass es ein blödes Gefühl ist, wenn am nächsten Tag alle Kinder davon vorschwärmen und überlegst dreimal, ob du umweltfreundlich mit dem Zug verreist oder keimfrei mit dem Auto.

Diesmal ist es anders. Was wir jetzt erleben, ist ein großes Gemeinschaftsgefühl, keine Ausgrenzung, sondern eine riesige Solidargemeinschaft. Gemeinsam einsam sozusagen.

Bei all der Angst, gibt es plötzlich auch ein neues Gefühl, welches dazu führt, dass sich Ruhe und Gelassenheit völlig überraschend in mir breit machen.

Nun harren wir der Dinge, die da kommen. Und sollte es doch zur kompletten Ausgangssperre kommen, dann holen unsere Gitarren raus und geben auf dem Balkon ein Konzert für die Nachbarn oder hoffentlich mit ihnen, auch wenn wir noch lange nicht perfekt spielen können. Aber ein bisschen Zeit zum Üben hatten wir ja schon.

Auch wenn wir den anderen ein wenig voraus waren und schon drei Wochen länger in der Isolation sind. Dieses Mal sind wir mitten drin. Nicht trotz der Isolation, sondern wegen ihr.

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